• 20Aug

    Fehlende Perspektiven für junge Mediziner, Zentralisierung der fachärztlichen Versorgung, steigende Patientenzahlen bei finanzieller Deckelung, extreme Arbeitsbelastung und schlechte Stimmung: Fachärzte aus dem Kreis Gütersloh haben gestern bei einer Podiumsdiskussion im Gütersloher „Hotel Appelbaum“ Alarm geschlagen.

    Warum es so schwer sei, Nachfolger für ausgeschiedene Fachärzte und deren Praxen zu bekommen,
    erklärte der Rietberger Augenarzt Dr. Ulrich Oeverhaus: „Die Investitionskosten schrecken ab, und den jüngeren Kollegen fehlen die Perspektiven. Und das bei einer 60- bis 70-Stunden-Woche, ohne die eine selbstständige Praxis gar nicht zu betreiben ist.“ In den Kliniken gebe es 4000 offene Stellen. Nur 8000 von 13000 Medizin-Studenten würden fertig und von diesen wählten viele einen anderen Berufsweg.

    Somit steigt nicht nur das Durchschnittsalter der Bevölkerung, auch die Altersstruktur der Fachärzte schiebt sich nach hinten. Derzeit praktiziert im Kreis Gütersloh kein Hautarzt, der jünger als 45 Jahre ist. Die Organisatoren des Podiumsgesprächs kritisierten die Gesundheitsreform und die damit einhergehende wettbewerbsverzerrende Zentralisierung der fachärztlichen Versorgung in Kliniken. „Wir haben als Freiberufler riesigen Druck und stehen mit unseren Praxen am Rand“, redete Hautarzt Professor Dr. Bodo Melnik Klartext.

    „Die gesetzliche Versorgung wird nicht vernünftig honoriert, eine Zwei-Klassen-Medizin ist die Folge.“ Die Kritik stieß bei den teilnehmenden Politikern auf Verständnis. „Wir haben immer mehr ältere Bürger mit eingeschränkter Mobilität, und es bedrückt mich, dass es in Blankenhagen keinen praktischen Arzt mehr gibt“, sagte Bürgermeisterin Maria Unger.

    „Deshalb wünsche ich den Aktionswochen einen guten Verlauf.“ Amtskollege André Kuper, Bürgermeister von Rietberg, unterstrich: „Wir können Sie in Ihren Bemühungen nur unterstützen. Wir sitzen in einem Boot, die Kräfte müssen gebündelt werden.“

    Eine „sehr unheilvolle Tendenz“ in der Gesundheitspolitik sah Ralph Brinkhaus, DU-Bundestagskandidat, und forderte Ehrlichkeit in der Diskussion ein: „Die erste Frage muss doch sein: Was ist uns unsere Gesundheit wert?“, so Brinkhaus. „Die wird teurer werden, das müssen wir dem mündigen Bürger sagen, sonst wird uns das Ganze in 10 bis 15 Jahren auf die Füße fallen.“

    Heiner Kamp, FDP-Bundestagskandidat aus Versmold, sagte den etwa 30 Diskussionsgästen: „Die Gesundheitsreform hat ins Chaos geführt. Wir fordern die Ärzte auf, mit ihren Patienten über die Problematik zu sprechen.

    Quelle: Die Glocke, Artikel vom 20.08.2009

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